Dienstag, 30. November 2010

Ausnahmezustand


5 Tage war es her, dass ich aus Asien zurückgekehrt bin. Den Jetlag sensationell gut überstanden kann ich mich nun auf den Weg in die Vereinigten Staaten machen. Der Weg soll mich über Kopenhagen nach Chicago führen, eine mir gut bekannte Strecke mit der mir ebenfalls auf Langstrecke bekannten Scandinavian Airlines (SAS). Obwohl ich der SAS die LH oder LX vorziehe, muss ich konstatieren, dass diese einen guten Service und zudem ein angenehmes Sitzkonzept in der Business Class bietet. Letztendlich ist der Preis der Trumpf im Ärmel der SAS, ist der Flug doch gut 40% günstiger als direkt ab Frankfurt bspw. mit der LH.
Es hat geschneit. Bereits Sonntagabend bedeckten zarte Flöckchen, einem Puderzuckergeriesel gleichend, die Bordsteine und daran parkende Autos vor unserem Haus. Der Anblick auf die weiße Pracht ist ein guter Start in den Tag nach dem Hochziehen der Rolläden. Ich werde wieder den Zug nutzen, um an den Flughafen zu gelangen. Genügend Puffer habe ich eingebaut um, ob der Wetterbedingungen, nicht in Schwierigkeiten zu kommen und womöglich meinen Flug nicht erreichen zu können. Wetterbedingte Störungen, weshalb mein ICE zum Frankfurter Flughafen 15 Minuten später eintrifft, sollen ein Vorbote dessen sein, was ich an diesem und dem darauf folgenden Tag noch zu erwarten habe. Als hätte ich es geahnt, sehe ich auf der Anzeigetafel im Terminal 1 Halle A, dass mein Flug nach Kopenhagen annulliert wurde. Wir schreiben 10:45 Uhr, die Odyssee beginnt!
Am First-Class Check-In-Schalter der LH wird mir mitgeteilt, dass ich auf eine LH-Maschine über Detroit nach Chicago umgebucht wurde, mir mein Ticket jedoch am gegenüberliegenden Schalter ausstellen lassen müsste. Gut 20 Minuten später halte ich nun dieses Ticket in den Händen und gebe hoffnungsvoll das Gepäck ab. Das Anschlussticket von Detroit nach Chicago muss ich mir in Detroit holen, ein Ausdruck ist leider nicht möglich. Ich ahne es, es ziehen dunkle Wolken auf …
Zunächst jedoch läuft alles unter den gegebenen Umständen rund, ich sitze nach mehrfachen Passkontrollen in der Tower-Lounge in Halle A. Zwei Wienerl auf dem Teller und dem Laptop auf dem Schoß blicke ich nach draußen auf die verschneiten Flugzeuge und die Rollbahnen. Ein schöner Anblick denke ich mir, schneit es doch unaufhörlich, wenn auch winzige Flöckchen. Da ich es nicht weit zum Gate habe erledige ich noch einiges an Arbeit, bevor ich gegen 13:00 Uhr den Bus zum Flugzeug besteige. Nicht oft kommt es vor, dass ein Interkontinentalflug von einer Außenposition startet. Ich scheine lange Anfahrten magisch anzuziehen, erreichen wir doch nach erst 15 Minuten den Airbus A330 auf der allerletzten Parkposition bei Startbahn C. Die Crew ist gut gelaunt, mein französischer Sitznachbar ebenfalls, es kann losgehen. Da wir noch gut 30 Minuten auf ein Enteisungsfahrzeug warten sollen, gesellt sich die Chefpurserin zu mir (natürlich auch zu allen anderen HON’s und SEN’s), um mich an Bord willkommen zu heißen und mit mir einen kleinen Plausch zu halten. Ein schöne Geste, wie ich finde.
Weitere 60 Minuten und bereits drei Erdnusspäckchen und zwei Mozartkugeln später, ist von den Enteisungsfahrzeugen noch immer nichts zu sehen. Ich beschließe also, das Entertainmentprogramm anzuknipsen, den Actionfilm Salt anzusehen und weitere Mozartkugeln und Gummibärchen zu konsumieren. Es dämmert bereits, ein Zeichen dafür, dass wir alle schon gut 3 Stunden im Flieger sitzen und sich bisher nichts wirklich bewegt hat. Recht überrascht stelle ich fest, dass der überwiegende Teil der Passagiere inklusive mir selbst immer noch gut gelaunt ist. Im Gegenteil, die Stimmung hellt sich mit der Durchsage des Kapitäns, die Enteisungsfahrzeuge seien eingetroffen, sogar noch auf. Nun kann es also tatsächlich losgehen, ich bin entspannt, jedoch traue ich der Situation noch immer nicht. Zu oft habe ich erlebt, dass lange Wartezeiten letztendlich in einer Annullierung münden. Aber was soll da noch schief bzw. kaputt gehen? Ein Enteisungsfahrzeug beispielsweise. Kaum zu glauben aber wahr, eine erneute Durchsage des Kapitäns, dass eine der Maschinen defekt und damit das Flugzeug nicht enteisbar sei, lässt etwas Resignation in den Gesichtern vieler Reisender erkennen. Es ist 16:00 Uhr, ich werde den Film nicht mehr zu Ende schauen. Nun kommt es wie geahnt. Die Crew wird, sollten wir jetzt noch losfliegen, die zugelassene Höchstarbeitszeit von vierzehn Stunden überschreiten und somit muss der Flug annuliert werden, da keine Ersatzbesatzung bereitsteht. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass ein derart sanft einsetzender Wintereinbruch für das mir derzeit bekannte und später in noch viel größerem Ausmaß ersichtliche Chaos sorgen wird. Ich nutze die Zeit, um einen Plausch mit der Besatzung zu halten, über dies und das und über die Tatsache, dass das Kabinenpersonal keinen Cent des Lohns sehen wird, da dieser erst gezahlt wird, wenn die Maschine abhebt. Ein Novum auch für mich.
Eine weitere Stunde später treffen endlich Busse am Flieger ein und wir können nach viereinhalb Stunden den Flieger Richtung Terminal wieder verlassen. Die Bilder die sich mir dort zeigen, übertreffen alles mir bisher Gesehene. Hunderte, wohl tausende Menschen stehen, sitzen und liegen in unendlich scheinenden Schlangen an allen geöffneten Ticket- und Check-In Schaltern, um umgebucht, in ein Hotel gebettet oder anderweitig betreut zu werden. Draußen liegen gut fünf bis sieben Zentimeter Schnee!
Da ich keinerlei Informationen über eine womöglich automatisch vorgenommene Umbuchung habe, stelle ich mich an einer der langen Schlangen am First-Class Ticket Schalter an. Erstaunt über mich selbst stelle ich fest, dass mich dies alles in keinster Weise in Rage bringt, ich bin die Ruhe selbst. Ich gewinne der ganzen Szenerie sogar etwas Positives ab. Wann kommt man mit so vielen Leuten in Kontakt um ungezwungen zu plaudern, über alles Mögliche, vor allem jedoch über das entstandene Chaos und die Auswirkungen auf einen selbst. So lerne ich den Managing Director eines großen Reifenherstellers kennen und habe das Vergnügen zu sehen, dass es auch ein Promi wie Ralf Schumacher, der mir für einen kurzen Moment entgeistert in die Augen blickt heißt, sich einzureihen und mit dem Fußvolk der Dinge zu harren. Zwei Stunden später, es ist bereits 20 Uhr, wurde ich auf eigenen Vorschlag hin auf die LX über Zürich nach Chicago für den nächsten Tag umgebucht. Das Ticket selbst lasse ich mir über den Senator-Service scharf schalten. Es ist Dienstag, Tag zwei der Odyssee.
Trotz Stau gelange ich noch rechtzeitig an den Flughafen, um meinen Flieger zu erreichen. Bereits beim Betreten der Abflughalle bin ich überwältigt von der Menschenmasse, die sich in alle Richtungen drängt. Gestrandete aus aller Herren Länder harren der Dinge und hoffen auf ein baldiges Weiterkommen. Ein Hauch von Aggressivität oder sagen wir Anspannung liegt in der Luft. Erneut heißt es auch für mich, mich einzureihen in eine der Schlangen. Als nach 2 Stunden Wartezeit mitgeteilt wird, die Reihe, in welcher ich mich befinde sei nur für Passagiere, die das Gepäck abgeben wollen, ergeben sich tumultartige Szenen. Ich befürchte das Schlimmste, jedoch kehrt bald darauf wieder Beruhigung ein. Meinen Flug mit der Swiss, sowie meinen weiterhin gebuchten Direktflug mit der LH habe ich aufgrund der Wartezeit am Check-In erneut verpasst. Nun bin ich auf die United Airlines nach Chicago gebucht, als Backup auf die LH über Philadelphia. Als klar ist, dass es auch für die United-Maschine äußerst knapp wird, ziehe ich die Notbremse und storniere meine Reise. Ich hab’s geschafft! Voller Erleichterung meiner Entscheidung wegen und sechs  Umbuchungen später, bemühe ich mich noch um mein Gepäck, welches sich irgendwo im Nirgendwo des Flughafens befindet. Dass heute kein Gepäck mehr zugestellt wird ist eine Nachricht, die mich früher in Aufregung versetzt hätte, mir heute jedoch nur ein leichtes Grinsen abverlangt.
Es ist 13:15 Uhr, ich warte bereits wieder 20 Minuten im zugigen Fernbahnhof auf den verspäteten ICE, der mich Hause bringen soll. Dort angekommen versetzt mich nun auch die Straßenbahn mit ihrem Nichterscheinen und ich beschließe zu Fuß die letzten Meter dieser angetretenen Reise zu tun. Es fühlt sich seltsam an. Ich war am Flughafen, gleich zwei Tage in Folge und bin nicht abgehoben. Es fehlt etwas, um diese Reise abzuschließen.
Wenn einer eine Reise tut … Das Vielfliegerleben bietet vieles: die Welt, Eindrücke aller Couleur, den Spaß am Abheben, fliegen und landen und manchmal, wenn auch selten eben auch – das Nichtfliegen.

Montag, 29. November 2010

Hart aber herzlich

Batam Island. Die kleine, jedoch dicht bebaute Insel liegt nur knapp 70km vom singapurianischen Festland entfernt. Diese jedoch zu erreichen gleicht einer kleinen Odyssee. Weniger die Anreise selbst, als vielmehr die bürokratischen Hindernisse, lassen die Anreise mühsam erscheinen. Da das Eiland zu Indonesien gehört, von Singapur und dem Vielinselstaat jedoch in einer Art Joint-Venture betrieben wird, benötige ich ein Visum. Prinzipiell steht dem nichts entgegen, wären da nicht all die Formulare, die auszufüllen sind bzw. Stempel die es abzuholen gilt. Ein wenig erinnert mich das alles an eine Szenerie aus Asterix erobert Rom, in welcher der kleine Gallier von Schalter A zu F, dann zu K und U geschickt wird, um sich für das rosa Formular zunächst das braune Schreiben zu besorgen.
Zu alledem leide ich an diesem Tag unter chronischer Geld-, sprich Dollar oder EUR-Not, da ich eine der Währungen benötige, um das Visum bezahlen zu können.
Hilfsbereit wie der Singaporeaner nun mal ist, legt mir der zu besuchende Lieferant das Geld aus. Ich werde es später in chinesischen RMB zurückgeben.
Nach einer kurzen Fahrt und diverser Besprechungen mit anschließender Firmenbesichtigung, gibt es auf die Schnelle ein indonesisches Fast-Food-Gericht zur Mittagspause. Riecht gar nicht so übel, die gelblich-braune Paste sieht zudem sehr verlockend aus, weshalb ich sie in vollem Umfang über der Mahlzeit verteile. In diesem Moment weiten sich bereits die Pupillen meines Gegenübers, ein Lächeln bahnt sich seinen Weg in dessen Gesicht und ich werde höflich gebeten, die Mahlzeit einem Kollegen zu überlassen, da diese mir wohl zu scharf sein wird. Freundlich gebe ich nach, denke mir jedoch, dass das so schlimm ja nicht werden kann. Einen Bissen später weiten sich wohl auch meine Pupillen, mir wird heiß, meine Wangen röten sich und ich ringe nach Atem. Ich habe soeben das wohl mit Abstand schärfste Essen meines bisherigen Lebens gekostet. Was immer dies auch war, ich werde die kommenden sechzig Minuten ein unangenehmes Brennen in der Mund- und Rachengegend verspüren.
Dies überstanden und einige Stunden später befinde ich mich bereits wieder im Hotel, um bis ca. 21:30 Uhr Telefonate und Telefonkonferenzen zu führen. Der nächste Tag führt mich zunächst nach Malaysia, um einem weiteren Lieferanten einen Besuch abzustatten. Nahe der Grenze gelegen, erreichen wir auch nach gut zwei Stunden per Auto das kleine Küstenstädtchen Johou. Zum ersten Mal in meinem Leben trinke ich heute beim Mittagessen Direktsaft aus einer Kokosnuss und bin ob des erfrischen Geschmacks – es hat 35 Grad C und 85% Luftfeuchtigkeit – angenehm überrascht. Auf der Rückfahrt stelle ich wie so oft mit Erschrecken fest, wie gut es unsereins hat. Klimatisiert in einem Lexus 460 rausche ich vorbei an all den einfachen Blechhütten und den darin, unter einfachen Umständen lebenden Einwohnern. Es ist schon eine Welt voller Gegensätze, in welcher wir leben. Ausgeruht, ob der elektrisch verstellbaren Liegesitze im Fond des Luxusgefährts, bin ich schon wieder im Hotel, meine Laufklamotten überstülpend. Heute, endlich heute werde ich zum und durch den wundervollen botanischen Garten joggen. Nach bereits fünf Kilometern neigt sich mein Wasservorrat jedoch dem Ende zu, ich fühle mich bereits als hätte ich einen Marathon hinter mir. Der Lauf durch den sub-tropischen, botanischen Garten untermalt vom Geschrei und Gezwitscher exotischer Vögel, ist ein wahrer Traum. Trotz der Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit fühle ich mich erholt, nach all den vergangenen Tagen. Auf dem Rückweg zur Unterkunft begegne ich Jeff, einem jungen Indonesier, der sich ebenfalls auf Dienstreise in Singapur aufhält. Glücklicherweise frage ich ihn beim Vorbeijoggen nach dem Weg, da ich das Gefühl habe irgendwo falsch abgebogen zu sein. Nach einem leider nur kurzen, jedoch sehr angenehmen Plausch im Lauf, verabschieden wir uns bereits wieder und ich befinde mich kurz darauf unter der erfrischenden Dusche.
Jetzt gilt es noch eine Hürde zu meistern, bevor ich mich auf den Rückflug begeben kann. Ursprünglich auf die LH 791 nach München gebucht versuche ich, am Flughafen auf die Maschine nach Frankfurt umgebucht zu werden. Somit würde ich mir einen längeren Aufenthalt in München ersparen. Trotz aller Bemühungen klappt dies jedoch leider nicht und ich fliege nach München. Viereinhalb Stunden und eine Dusche in der Senator-Lounge später, befinde ich mich im Flugzeug nach Frankfurt und traue meinen Augen nicht. Hat mein Zahnarzt seine Praxis aufgegeben und verdingt sich nun als Flugbegleiter? Ein ca. zwei Meter großer Mann, mit äußerst kantigem Gesicht, der meinem Zahnarzt nahezu identisch ähnelt begrüßt mich an Bord.
„Hart, aber herzlich heißen wir Sie in Frankfurt willkommen“ wurden wir von meinem Zahnarzt nach einer äußerst harten Landung begrüßt. Nun bin ich wieder zu Hause angekommen, in meiner Stadt bei meinem Schatz. Eine kurze, jedoch intensive und aufschlussreiche Reise geht zu Ende. Die Verweildauer bleibt jedoch kurz. Bereits am kommenden Montag werde ich wieder auf dem Weg, dieses Mal in die Vereinigten Staaten nach Chicago sein. Auf dann!!!

Sonntag, 21. November 2010

Gegensätze und BaiBai


Mehr oder weniger ausgeschlafen habe ich mich heute, Samstag 20.11.2010, zusammen mit meinem chinesischen Kollegen auf den Weg in die Stadt gemacht. Per Taxi ging es direkt an den Tiger Hill, eine der Sehenswürdigkeiten der alten Kaiserstadt Suzhou. Vor ca. 2.500 Jahren war dies die Hauptstadt des damals noch recht zerklüfteten Reiches. Und auch genau zu dieser Zeit wurde der Tiger Tower auf dem gleichlautenden Berg errichtet – in indischem Baustil!
Schon auf dem Weg dorthin habe ich wie schon hundertfach zuvor erlebt, dass nicht der Flug nach China, sondern die Fortbewegung vor Ort ein das weitaus höhere Risiko birgt, dieses Land in der Waagerechten wieder zu verlassen. Diese Gefahr unbeeindruckt ignorierend schieben und drücken sich hunderte, nein tausende kleiner Landesbewohner auf ihren Elektrorollern vor unser Taxi, aus allen Richtungen. Alles fließt, es kommt einem so vor, dass dieses Chaos System hat und das eine das andere bedingt, das Taxi kann nicht ohne den Roller und umgekehrt. Im Übrigen sind uns hier unsere fernöstlichen Nachbarn in Sachen Umweltschutz voraus. Nahezu alle Roller, welche ab ca. 800 RMB zu haben sind, lassen sich mittles eines kleines Elektromotors fortbewegen, nahezu geräuschlos und ergo schadstoffarm im Gebrauch. Leider übertreiben es die Kinder der Mitte ein wenig mit der Ökologie, da abends gerne mal aus Stromspargründen und der damit einhergehenden längeren Batterielaufzeit, das Fahrlicht abgeschaltet ist.
Schon beim Aufstieg auf den Tiger Hill stelle ich mit Verwunderung fest, dass ich wohl einer der wenigen Nichtchinesen bin, der sich an diesem Tag aufgemacht hat, die Stadt zu erkunden. Dies wird auch den restlichen Tag über so bleiben. Den Rest des Vor- und Frühnachmittages tauche ich, nach langer Zeit, einmal wieder in das richtige oder besser gesagt ursprüngliche Leben der Landesbewohner ein. Fern ab jeglichen Touristenstroms befinde ich mich in einer der typischen Wohngegenden, welche vor allem im Inneren des Landes üblich sind. Schmale Sträßchen, einfache Häuser mit noch einfacherer Ausstattung, in welchen mehrere Generationen leben, reihen sich aneinander. Bereits vor zehn Jahren, als ich das erste Mal zum halbjährigen Studienaufenthalt im Zentrum des Landes gelebt habe, habe ich die Lebensumstände teils mit Erschrecken wahrgenommen. Kaum zu glauben, dass auf engstem Raum Vergangenheit und Moderne so stark aufeinander prallen.
Beim Gang durch die kleinen Gässchen bietet sich mir ein wohlbekanntes Bild. Links und rechts werden allerhand Waren, vorwiegend Lebensmittel angeboten. Das Wort Lebensmittel ist wörtlich zu nehmen. Dicht gedrängt, befinden sich ca. 20 Hühner in einem Metallkäfig, welcher nicht größer ist als ein Flachbildfernseherkarton. Da soll sich noch einmal ein EU-Huhn über die Legebatterienhaltung beschweren! Nicht viel weiter geht es ebenfalls um Gefieder, dieses Mal jedoch um dessen Erzeugnisse in Form von tausendjährigen Eiern. Dabei handelt es sich um, in einer dunkeln, fast schon schwarzen Flüssigkeit eingelegte Hühnereier, die beim Öffnen nicht nur einen, gelinde gesagt strengen Geruch entfalten. Auch das Eigelb kommt in schwarzer Farbe, das Eiweiß in einem flotten Rot daher. In einer weiteren Schale befinden sich, ebenfalls in einer Art Lake eingelegte Eier. Diese jedoch beinhalten, nach Aussagen meines Geschäftschinesen und auch teilweise erkennbar, fehlgeborene Küken – einen guten Appetit wünsche ich! Auf dem Weg zurück ins Hotel wird der unaufhaltsame und rasend schnell vollzogene Wandel, welchen dieses Land durchläuft, deutlich. Wir würden sie Altbauten nennen, welche kühlen, gesichtlosen und in den Himmel ragenden Neubauten weichen müssen. Warum sollte nicht auch China die Fehler begehen dürfen, welche in unserem Land in den 50-90er Jahren vollzogen wurden?
Baibai heißt es einen Tag später. Ein Lieferanten-Treffen vormittags, sowie die Fahrt nach PuDong/Shanghai liegen hinter mir, ich sitze af 48K in SQ833 der Singapore Airlines auf dem Weg nach Singapur, als ich diesen Artikel schreibe. In fünfeinhalb Stunden werde ich meinen  Pullover ob der schwülen Wärme ablegen und mich auf den Schlaf an der Orchard Road freuen.

Samstag, 20. November 2010

Fischlein im Glas


Fischlein im Glas

Es gibt nichts wirklich Besonderes zu berichten über die vergangenen zwei Tage. Ich kämpfe noch immer mit dem Jetlag, der mich dieses Mal jedoch mehr im  Griff hat als üblich. Nach den ersten zwei Nächten kann ich gut nachvollziehen, wie es derzeit einem befreundetem Paar mit ihrer neugeborenen Tochter ergeht. Um zehn Uhr eingeschlafen, um zwölf aufgewacht, dann wieder geschlummert und so weiter. Irgendwann jedoch halte ich diesen Zustand des ständigen Dahingedöses nicht mehr aus und stehe weit vor der geplanten Weckzeit auf. Seltsam, mein Biorhythmus hat mehr mit der West-Ostverschiebung als umgekehrt zu kämpfen.
Nunja, wo ich schon mal wach bin, gönne ich mir ein ausgedehntes Frühstück zusammen mit meinem amerikanischen Kollegen, der schon seit einer Woche diesen Kampf gegen das nichtvorhandene Neugeborene bzw. dessen imaginäres nächtliches Gebrüll führt. Was dann folgt ist nicht wirklich erwähnenswert. Wir fahren gefühlt quer durch die Stadt und kommen nach 20 Minuten am Firmengebäude an, um dort den Rest des Tages unser internes Treffen abzuhalten. Tatsächlich sind wir nur wenige Blocks entfernt vom Hotel, weit genug weg, um nicht in Laufdistanz zu sein, jedoch durch den unsäglichen Verkehr zwanzig Minuten Fahrzeit konsumierend.
Der nächste Tag bietet dann schon etwas mehr Abwechslung. Nachdem ich ausgecheckt und mich auf den Weg zum Aufzug gemacht habe, schaue ich noch einmal bei den kleinen Goldfischlein vorbei, welche sich dicht gedrängt in einer rechteckigen Blumenvase, zu Dekorationszwecken, am Eingang zu einem der Hotelrestaurants drängen. Stünde einer der zahlreichen, mit heißem Fett gefüllten Restaurantwoks nahe genug am Miniaquarium, würde ich wetten, dass das ein oder andere Fischlein seinen Suizidgedanken nachgeben und mit einem „Guten Morgen, Guten Abend, Gute Nacht“ auf den Lippen in selbigen hüpfen würde und sich frittieren ließe.
Das erste Ziel des heutigen Tages erreichen wir mit einem Fahrer, der von unserem Lieferanten ans Hotel geschickt wurde. Dieses Mal verlassen wir tatsächlich das pulsierende Herz der Stadt und finden uns in einem der zahlreichen Industrieparks Shanghais wieder. Es liegt der wohlbekannte, jedoch weniger angenehme Geruch aus Industriedüften und den Nachlassenschaften der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus den entsprechenden Toilleten in der Luft. Das Gebäude gibt es millionenfach in diesem Land, einige Stockwerke in die Höhe ragend, mit weißen, teils ausgebrochenen und vergilbten kleinen Kacheln überzogen. Dass es Winter wird ist leicht zu erkennen. In ihren Mänteln eingepackt, heißen uns nicht nur die Rezeptionsdame, die sich im zugigen Eingangsbereich des Gebäudes aufhält willkommen, sondern ebenso unsere Gesprächspartner im entsprechenden Besprechungszimmer. Ich bin überrascht, dass in der Fertigung ein angenehmes Raumklima herrscht. Klirrend kalte Produktions- und Meetingräume sind in China durchaus an der Tagesordnung.
Nach getaner Arbeit fahren wir noch kurz Mittagessen, um dann vom Fahrer des besuchten Lieferanten ins 70km entfernte Suzhou, zum nächsten Unternehmen gebracht zu werden. Gegen 17:00 Uhr erreiche ich das Mariott Suzhou, gehe noch kurz zusammen mit meinem chinesischen Kollegen in ein chinesisches Fastfood-Restaurant und lege mich nach einer eineinhalbstündigen Telefonkonferenz um 21:00 Uhr in die Federn. Ich werde in dieser Nacht das erste Mal durchschlafen wie ein kleines, wenige Monate altes Baby, das nun endlich seine Zähnchen bekommen und alle einhergehenden Schmerzen überstanden hat.

Mittwoch, 17. November 2010

Von Sammlern und bunten Lichtern


Raus aus der Lounge, rein in die Lounge. Gegen 20:20 Uhr mache ich mich am 16.11. auf den Weg zum Gate, die LH 726, ein A340-600 wartet. Nach der Passkontrolle gehe ich noch mal schnell in die SEN-Lounge, meinen Durst stillen. Am Gate H48 ist schon ziemlich was los, mit Vorfreude aufs Nachhausekommen lachende Chinesen, gestresste und müde wirkende Geschäftsleute und ein paar Touristen harren dem Boarding entgegen. Ist mal wieder eine ziemliche SEN (Senator)-Schwemme unterwegs, zu erkennen an den roten Gepäckanhängern mit gleichlautender Aufschrift. Naja, ist ja auch eine Rennstrecke, vor allem für Dienstreisende.
Im Flieger finde ich rasch meinen Platz, 3H, welcher direkt hinter der First-Class liegt. Prima denke ich mir, ich werde als erstes das Essen bekommen und wenig Publikumsverkehr haben.
Schnell schaue ich noch am Zeitschriftenregal vorbei, in diesem Fall der Ablage in den Gepäckfächern. Gerade noch kann ich mir eine Brand Eins und einen Spiegel schnappen, als ich erstaunt und vielleicht auch etwas verärgert zusehe, wie sich mein Nebensteher gleich fünf Zeitschriften greift und damit abdampft. Zurück an meinem Sitz stelle ich fest, dass auch mein Nebensitzer sich gut mit Lesestoff eingedeckt hat. Müssen wohl die anderen 57 Business-Class-Passagiere in die Röhre schauen … Es ist wohl einer dieser Urtriebe, welcher bei manchen unserer Zeitgenossen noch ziemlich stark ausgeprägt zu sein scheint - das Sammeln von Trophäen, Briefmarken und eben Boulevardblättern. Das wird ja eine kurze Nacht für diese Sammler, bei so viel Lesestoff.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, so spät nichts mehr zu essen. Die Aussicht auf möglicherweise 15 Stunden ohne einen Happen in der Magengegend verbringen zu müssen, überzeugte mich jedoch vom Gegenteil. Beim Servieren der Mahlzeiten schweift mein Blick kurz auf das kleine Zettelchen auf dem Boardtrolley, welchen die Stewardess vor sich herschiebt. Dieses kleine, aber unter Vielfliegern wichtige Papier, gibt darüber Auskunft, wer welchen Status innehat. Wie vermutet, finden sich darunter ein HON, mehrere SEN’s und ein paar FTL’ler. Beim Blick auf meinen Namen fällt mir das + hinter dem SEN auf. Sollte ich die nächste kleine Stufe erklommen haben? Mehreren Aussagen aus einschlägigen Foren zufolge, handelt es sich beim SEN+ um einen Quasi Super-SEN, der durch das Personal besondere Aufmerksamkeit erhalten soll. Besondere Aufmerksamkeit? Bisher habe ich davon noch nichts gemerkt, wer weiß was da noch kommen wird.
Es ist schon elf durch und mich beschleicht das Gefühl, dass es keine besonders kluge Entscheidung war, doch noch etwas zu mir zu nehmen – ich fühle mich schwer und werde wohl nicht den gewünschten tiefen Schlaf finden. Meine Hoffnung, durch Artikel über die Idee eines portugiesischen Unternehmers buntes Toilettenpapier zu vermarkten und den Geschäftssinn einer Blondenikone sanft in den Schlaf zu sinken, wird sich zunächst leider nicht erfüllen. Trotzt mehrfachen Drückens auf diverse Knöpfchen meiner Sitzverstellungsfernbedienung, tut sich nichts. Keine Schlafposition, kein irgendwas. Prima, das kann ja was werden. Nachdem sich drei Flugbegleiter vergeblich bemüht haben die Elektrik zu bezirzen, musste die Chef-Purserin ran. Fluchs und mit Hilfe einer kleinen, in Schreibmaschinenlettern getippten Anleitung, sowie manueller Gewalt und unter Beobachtung der interessiert dreinschauenden Nebensitzer, hat sich mein Sitz dann in eine tiefe Liegefläche verwandelt. Jetzt noch ein Gläschen Rotwein und eine Melatonin-Pille eingeworfen und schon kann’s losgehen mit dem Zählen der kleinen Airbuschen und Boinglein, die über den Weidezaun sausen und mir damit beim Einschlafen helfen. Von wegen! Ich hab die Pillen zu Hause vergessen. Dann hilft nur eins, ein zweites Glas Rotwein.
Gute 6-7 Stunden später und einem mehr oder weniger entspannten Schlaf, ziehe ich mir die Schlafbrille vom Kopf und freue mich auf das Frühstück.
Weitere 90 Minuten danach landen wir sanft auf dem Pu-Dong Flughafen von Shanghai. Ich bin angekommen! Wie oft ich schon in China war weiß ich gar nicht mehr. Ich habe aufgehört zu zählen. Ob der möglichen Wartezeit an den Immigrationsschaltern bewusst, eile ich schnellen Schrittes an meinen Mitreisenden vorbei und halte wenig später mein Gepäck in der Hand. Beim Verlassen des Securitybereichs das immer gleiche Schauspiel. Hunderte, ähnlich aussehende lokale Abholbeauftragte, stehen ein Schild in der Hand haltend im Ausgangsbereich. Ich erspähe ein Schild, das als Aufschrift meinen Vornamen trägt. Sollte das mir gelten? Ich folge dem Mann, von dem ich hoffe, dass er für meine Abholung beauftragt wurde und frage ihn nochmals, ob er von meiner Firma dafür eine Order erhalten habe. Erneut nickt er mit dem Kopf, ohne etwas zu sagen. Versteht mich ja ohnehin nicht, wird er sich denken.
20 Minuten nach Abfahrt vom Flughafen tauchen wir ein in die Megacity, den Moloch, welcher heute einmal wieder unter einer Glocke aus Dunst und Staub verschwindet. An den Straßen finden sich noch vereinzelt die Hinweisbanner zur Expo 2010. Nur allzu gerne hätte ich am anstehenden Wochenende diese besucht, wäre sie nicht Ende Oktober beendet worden. Wir passieren das Expogelände mit all den verschiedenen Länderpavillions und stecken in der Rushhour. Es wird gehupt und gedrängelt, von links nach rechts und rechts nach links. Die eben noch auf den Autobahnen mehr oder weniger vorhandene Ordnung geht über in ein geordnetes Chaos. Wieviele Unfälle wohl an einem Tag in Shanghai passieren?  
Das Hotel ist mir bekannt. Das Goldkärtchen, den Pass und die Kreditkarte gezückt, ein Upgrade erhalten und schon finde ich mich im 57. Stock des Hotels. Wie immer genieße ich den Ausblick auf die bunten Lichter der Stadt, die dank des sich gelichteten Dunstschleiers ein wahrhaft imposantes Bild der Megametropole abgeben.
Gegen halb neun Uhr abends bin ich nach einem Abendessen mit meinem Kollegen wieder auf dem Zimmer. Die erste von sieben asiatischen Nächten wartet.

Dienstag, 16. November 2010

Rivalen der Rollbahn


Rivalen der Rollbahn

6.11 Uhr elf ist es, als unser Schlafphasenwecker meint, mich im Halbschlaf zu wähnen und somit aus meinem Traum reißen zu müssen. Aufstehen? Um diese Zeit? An normalen Tagen kann ich dies glücklicherweise vermeiden, ich bin kein Frühaufsteher, jedoch ein Spätinsbettgeher.
Spätestens um sieben müssen wir los, der Flieger geht um 8:55 Uhr- LH 1278 nach Athen. Ganz schön was los auf der Straße um diese Zeit, Rushhour! Und dazu noch eine rote Welle quer durch die Stadt – prima! Trotz des Verkehrs kommen wir gut durch und ich kann noch recht gelassen einchecken. Die Bordkarte in der Hand geht’s direkt zur Fasttrack-Lane, die heute jedoch mehr an eine der Schlangen an Supermarktkassen erinnert, an die man sich anstellt und kurz darauf geschlossen wird. Zusammen mit all den überwiegend in fröhlichem Grau oder Schwarz gekleideten Rivalen der Rollbahn, schiebe ich mich durch die Schlangen der Sicherheitskontrolle. Graues Haar, eine stattliche Persönlichkeit mit langer, hervorstechender Nase und dazu noch einer Nachrichtensprecherstimme. Nur wenige Meter hinter mir reiht sich, wie all die anderen Goldkärtchenträger, Ulrich Wickert in die Schlange ein. Paris denke ich mir, den zieht es heute bestimmt nach Paris. Wohin es dann genau ging habe ich nicht mehr erfahren, schon wurde ich von einem grimmig dreinschauenden Sicherheitsmitarbeiter einer weiteren Schlange zugewiesen.
Nach Passieren des Metalldetektors eine übliche Szene, wie sie jeden Tag wohl hunderte Male vorkommt. Gelassen und ohne die Umgebung wahrzunehmen, kleidet sich der vorherige Passagier wieder an, räumt seelenruhig alle Habseligkeiten zurück ins Rimowa-Köfferchen. Ohne auch nur einen Meter nach vorne zu rücken und somit den nachfolgenden Reisenden Platz zu machen. Ich bleibe ruhig, dafür habe ich das schon zu oft erlebt.
Ab ans Gate, vorbei an all den Eintagesreisenden, vorbei an den Räucherhallen, direkt ans Gate. Für einen kleinen Snack in der Lounge reicht es leider nicht mehr, gefrühstückt habe ich ja auch noch nicht. Der Kranich wird schon ein paar tiefgekühlte Brötchen an Bord haben, welche von den Borddrachen  in Windeseile aufgetaut werden.
Außenposition. Schon wieder! Als sei es mein Schicksal immer zuerst eine gefühlt halbstündige Flughafenrundfahrt absolvieren zu müssen, bevor ich meine tatsächliche Flugreise antreten darf. Kurz bevor wir am Flugzeug ankommen, wird das übliche „Passagiere mit den Sitznummern blablabla bitten wir vorne einzusteigen usw.“ abgespielt, auf Deutsch, auf Englisch und auf Spanisch. Auf Spanisch? Bin ich in nun doch mal in den falschen Bus eingestiegen und werde ich mich zwei Stunden später in Palma de Mallorca wiederfinden? Etwas verunsichert aber ob der griechisch aussehenden Mitflieger noch optimistisch gestimmt, erklimme ich die Stufen der Bordtreppe.
Ich freue mich, dass heute einmal wieder der Mittelsitz frei ist – dem Senator-Status sei Dank. Leider bin ich mal wieder auf die „ich habe keinen anderen Sitz vor mir“ – Falle hereingefallen und sitze direkt hinter der Trennwand zur Business-Class. Die verkürtzte Beinfreiheit werde ich noch merken. Hätte ich den Purser nicht bereits beim Einsteigen gesehen, so hätte ich darauf gewettet, dass die Sicherheitshinweise heute von Ralf Morgenstern verlesen wurden …
Der Flug verlief planmäßig, nach zweieinhalb Stunden erreichen wir, trotz der kurzzeitigen Sorge, auf Ballermann 6 zu landen, das sonnige und zwanzig Grad warme Athen.
Zweieinhalb Stunden Aufenthalt habe ich, bevor es weiter geht, weiter nach München, von wo aus ich dann meinen Flug in Richtung Shanghai antreten werde. Warum dann vorher Athen? Hierzu mehr ein anderes Mal. Fluchs habe ich bereits wieder eingecheckt nach Shanghai über München und bin auf dem Weg in die Senator-Lounge, um Arbeiten zu erledigen. Die Lounge ist klein, es gibt Sandwichs und was zu Trinken, damit bin ich heute mal zufrieden. Um 15:00 Uhr geht’s dann schon wieder weiter, wieder Außenposition, wieder Treppe hochsteigen, diesmal hoch in die Business-Class. Bis auf einen Hellenen ist diese in der Maschine der Aegean Airlines jedoch frei. Genug Platz, um sich auszubreiten und den Flug zu genießen. Das erste Mal Aegean! Gar nicht so schlecht, zuvorkommendes Personal, moderne Maschine und ein guter Service. Der Flug vergeht erneut wie im Flug, keine Auffälligkeiten, eine sanfte Landung. München! Die Frisur sitzt, es nieselt und es hat drei Grad, welcome back im deutschen November! Den Weg zur Senator-Lounge kenne ich. Meines Erachtens ist diese eine der schönsten Lufthansa-Lounges, groß, modern, gute Auswahl an Speisen und Getränken. Ich mache es mir also in einem lässigen Loungesessel gemütlich, verköstige mich und arbeite. Fünf Stunden Aufenthalt wollen erst einmal überstanden werden. Um 21:40 Uhr geht es los, auf der LH 726. Irgendwie freue ich mich auf den Flug, irgendwie auch nicht. Eine ganze Woche werde ich durch Asien reisen. China, Singapur, Indonesien und Malaysia warten. Ich harre der Dinge die da kommen, mal sehen, was ich morgen über den Flug und meine Ankunft in Shanghai zu berichten habe.

Dienstag, 9. November 2010

Von nackten Messedamen und Ex-Wirtschaftsministern


Es ist Dienstag, Dienstag der 09.11.2010. Ausnahmsweise reise ich heute per Treno, also Bahn, also nicht in 10.000m Höhe, sondern sehr geerdet auf baustellengesäumten Trassen ins schöne München, zum Messebesuch. Natürlich hätte ich fliegen können. Nur, wäre dies ökologisch, wie auch ökonomisch vertretbar gewesen?

Irgendwie fühle ich mich fremd, so unter all den Menschen am Bahnsteig, die alle darauf warten, dass nun endlich diese schon wieder verspätete S-Bahn einfährt. Tagein, tagaus das gleiche Spiel denke ich mir. Ich bin doch ganz froh, bisher diesem Trott entkommen zu sein. Nach gut fünfzehn Minuten erreiche ich meinen Umsteigebahnhof. Es bleibt noch Zeit, mir eine Brezel to-Go zu kaufen, dann aber schnell ins Untergeschoss zu eilen, um auf den nächsten Bahnsteig zu gelangen. Ich gehe eiligen Schrittes einen Gang entlang und passiere eine Fensterfront, auf welcher in großen Lettern „DB-Lounge“ steht. Für einen kurzen Moment beschleicht mich das Gefühl einer unter vielen zu sein. Unter vielen Reisenden, die nicht in diese Lounge eintreten und in Ruhe die Wartezeit überbrücken dürfen. Ist es doch so ganz und gar anders, wenn ich mich an Flughäfen befinde und auf dem Weg zum nächsten Gate, ganz selbstverständlich Station in einer der Gold-Lounges mache. Sollte ich anfangen Bahn-Bonuspunkte zu sammeln?
Ich laufe weiter und halte erneut für einen kurzen Moment inne, da mir ein Mann gelassenen Schrittes vor die Füße tritt und mir so den weiteren Weg versperrt. Ich hole schon Luft, um so etwas wie „Hallo?“, „Vorsicht!“ oder gar Rechts vor Links“ zu sagen, lasse dies allerdings schlagartig sein. Nicht, dass ich mich nicht getraut hätte. Der Mann hatte mich schlicht und ergreifend mit seiner Person selbst überrascht. Wer rechnet schon früh morgens damit, dass einem ein Ex-Bundesminister für Wirtschaft fast auf die Füße tritt? Am Flughafen ja, aber am Bahnhof?
Aber auch Wolfgang Clement sollte es nicht verhindern, dass ich meinen ICE nach München verpasse. Schnell eingestiegen finde ich schon meinen reservierten Platz. Zum Glück reserviert denke ich mir, schieben sich doch Hundertschaften an Nichtreservierern durch die engen Gänge der Wagons. Ich sitze und freue mich auf ein kleines Nachschlafen. Was im Flugzeug jedoch durch Turbinen- und Strömungsgeräusche überlagert wird, ist auf dert Schiene unüberhörbar – ein sonores und gleichmäßiges Röcheln und Schnarchen dringt nicht nur durch den Wagonkorridor, sondern auch durch Mark und Knochen. An ein, durch sanftes Hin- und herschaukeln des Zuges begünstigtes Einschlummern ist also vorerst nicht zu denken. Also doch den Laptop ausgepackt, hochgefahren, ins mobile Internet eingeloggt und damit im mobilen Büro angekommen. Vorbei ziehen, untermalt von den mal sanft, mal schnappatmigen Schlafgeräuschen des Vordermannes, herbstliche Landschaften, triste und verlassene Bahnhofseinöden, die ein oder andere Kläranlage und ab und an die „Kaffe, Tee, belegte Brötchen“ Service-Dame der Deutschen Bahn.
Ausgerechnet Bauarbeiten am Stuttgarter Hauptbahnhof sollen dazu führen, dass wir unser Fahrziel mit einer, wenn auch knappen, Verspätung erreichen. Sollte nicht ein Baustopp herrschen während der Schlichtungsgespräche? Es muss sich um Gleisarbeiten oder dergleichen handeln überzeuge ich mich selbst.
Messehalle nach Messehalle durchwandere ich also um all meine vereinbarten Termine abzuarbeiten, vorbei an Glasperlen sortierenden Minirobotern, aufwändig gestalteten und rieseigen Messeständen namhafter globaler Unternehmen der Elektonikbranche, sowie einer mit Schaltkreisen bemalten, nackten jungen Dame. Einer nackten Messe-Hostesse, die sich Leiterbahnen und Schaltkreise auf den wohlgeformten, völlig entblößten Körper malen lässt? Ich vergewissere mich noch einmal und stelle fest, dass ich richtig gesehen habe, was unschwer an den zahlreich gezückten und mit Kameras bestückten Mobiltelefonen vorwiegend männlicher Messebesucher, zu erkennen ist. Ich biege ums Eck und sehe bereits in Gedanken das männliche, für einen Hersteller von extrasteifen Rohleiterplatten werbende, Pendant posieren.
Sechs Stunden, etliche Gespräche, einen Nudel- und Salatteller, etlichen Wassern und anderen Kaltgetränken, süßen Stückchen, einem Leberkäse- Teller, in Leopardenkostümen gehüllte Messebesucherinnen und den ein oder anderen weiteren Hingucker später, befinde ich mich erneut auf den Gleisen in Richtung Heimat.
Sollte ich dem verlockenden Angebot, in entspannter Atmosphäre einen Bio-Weißkohleintopf für neuneuroneunzig und ein frisch gezapftes Bier in der Happy-Hour zu mir zunehmen, nachgeben? Während ich für einen kurzen Moment daran denke, die gähnende Leere in meinem Portmonee, sowie die Vorahnung auf die vermeintlich lockere Bahnbistroatmosphäre mich jedoch davon abhalten, ziehen erneut nun in schwarz gehüllte Landschaften und Bahnhofstristesse an mir vorbei. Mit Freude komme ich zu Hause an.

Sonntag, 7. November 2010

Wie alles begann


Wir schreiben die 45. Woche des Jahres 2010. Nicht mehr lange bis Weihnachten, nicht mehr lange bis zum Jahresende, nicht mehr viel Zeit für all die Reisen die noch ins Haus stehen. Sollte ich nun in Panik verfallen oder dem Ganzen gelassen entgegensehen? 44 Wochen liegen hinter mir, was kann da noch kommen ...

Anfangs dachte ich, mensch Globetrottel, das Jahr 2010 wird ein entspanntes, besser gesagt weniger ein "Ich bin übrigens die nächsten Tage in XXX, mein Schatz" Jahr. Viel Zeit im Büro, viel Zeit um Aufgaben und Strategien zu entwickeln, viel Zeit um - Flüge zu buchen. So war es dann auch. Ich wollte und will es ja auch nicht anders, Spaß macht mir das alles doch schon sehr.
So war ich also nun hier und dort, mal zu Hause, dann wieder im Terminal 1. Ich muss sagen, ich fliege ausschließlich von dort aus in die Welt. Terminal 2? Nein, wo kämen wir denn da hin? Da fliegt ja kein einziger Star-Alliance-Flieger ab! Der T1, da kenn ich die Wege, weiß wohin ich muss, das ist mein Revier und natürlich auch das der LH.
Das alles begann vor knapp 5 Jahren. Natürlich bin ich vorher geflogen, in den Urlaub, mal nach Australien und Ibiza, mal nach Schweden und ganz früher England. Ein, vielleicht zweimal im Jahr. Ich ein Vielflieger? Damals hatte ich noch keine Gedanken an Status- oder Prämienmeilen, an Lounges, Priority Lanes und Batches oder FirstClass-Checkin. Aber heute? Heute genieße ich die Vorteile eines Senator-Status, den ich im übrigen in der letzten Woche wieder für weitere zwei Jahre verlängert habe. Wo war ich? Wie alles begann ...

Damals, im Jahr 2006. Meine ersten Flüge standen an, quer durch Europa, nach England, Tschechien, die Slowakei und Dänemark, nach Schweden, in die Schweiz und nach Österreich, dann Italien. 40 Flüge in 8 Monaten, wow dachte ich damals und war zu alledem auch ziemlich platt. Heute, 400 Flüge mehr auf der Tragfläche ist fliegen für mich wie Taxi fahren. Mit dem Unterschied, dass ich es genieße, meistens jedenfalls! In den Jahren nach 2006 gings dann hinaus in die Welt, nach Chicago, San Francisco, LA, Seattle, Shanghai, Peking, Singapur, Kuala Lumpur, Penang, Tokio, Helsinki und hunderte von anderen Orten. Gesehen und erlebt habe ich bisher so einiges, viel witziges, skuriles, unglaubliches. Und es geht weiter. Von nun an möchte ich meine Erlebnisse teilen, mit euch über diesen Blog. Ich wünsche euch viel Freude beim schmunzeln über Politiker, die ich in der Fastrack-Lane bei Peinlichkeiten ertappt habe, über Schauspieler, die so gar nicht glamourös sind, über den Alltag eines Vielfliegers, über die Einsamkeit auf Reisen und die Freude auf das Heimkommen.

Viel Spaß beim lesen!
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